Aus dem Umfeld von Claude Monet
Man nennt ihn heute einen Revolutionär des Lichts. Man spricht ehrfürchtig von Serien, vom flüchtigen Augenblick, von vibrierender Atmosphäre.
Ich kannte ihn, bevor er vibrierte.
Ich war sein Koch.
Während Kunsthändler in Paris über „Brechungen des Spektrums“ stritten, brech ich mir in Giverny den Rücken über einer Casserole. Während Kritiker vom „Flirren der Wahrnehmung“ schrieben, flirrten in meiner Küche andere Dinge.
Er malte Heuhaufen in Serie.
Ich servierte Hühnchen in Serie. Kalt.
Sie kaufen heute seine Seerosen für Millionen. Ich weiß, warum sie so oft im Dunst liegen:
Der Ofen stand offen.
Hören Sie also nicht auf die Akademien. Hören Sie auf mich.
Sonntags gab es beim Maler stets Fisch. Frisch, aus der Region. Er liebte die einfachen Dinge und ihre Schlichtheit – wie ein schönes Bild, von denen er viele malte. Eine Dienstmagd war ihm lieber als eine Duchesse. Ihn befriedigte die Schlichtheit mehr als alles andere. Oder sollte ich sagen: als alle anderen? Er liebte Gespräche, die berühren, nicht die Exkurse der angesagten Philosophen, etwa dieses Nietzsche, der, wie man sagt, schon wieder tot sein sollte.
Doch zurück zum Fisch, den er auf dem Sonntagstisch so schätzte. Darin waren er und ich uns einig.
Der Sonntag begann früh in Giverny. Ich öffnete die Fenster und ließ den Sommer herein. Der Maler hatte, wie so oft, Freunde geladen. Er liebte es, seinen Garten zu zeigen und Gäste auf der Terrasse zu bewirten.
Jeanette, die etwas zu dralle Küchenhilfe, und ich mussten uns sputen. Der Maler bestand darauf, den Fisch pünktlich und auf den Punkt gegart zu bekommen. Jede Minute Vorsprung schenkte mir Zeit, ihren Duft zu atmen, der jedoch noch von den opulenten Zutaten überdeckt wurde.
Barbue à la Dugléré – der Butt
Jeanette wählte eine irdene, feuerfeste Form. Auch mein Feuer brannte. Sie kümmerte sich um das Holz, ich um das junge Gemüse und die scharfen Dinge: violette Zwiebeln und kleine Schalotten, die mir die Tränen in die Augen trieben. So fiel es mir schwer, mich auf Jeanettes kleine Brüste zu konzentrieren. Es musste Mitleid erregen, denn wann immer ich sie ansah, standen mir die Augen voller Tränen. Sie erwiderte meinen Blick mit einem kurzen Aufschlag, beinahe melancholisch.
Sie brachte den Ofen und mich auf Temperatur: den Ofen mit Holz, meine Glut mit ihren geschäftigen Bewegungen, bei denen ihre Brüste auf und ab hüpften oder sanft schwangen. Es reichte, ihr zuzusehen, wie sie sich vorbeugte und die Scheite im Schlund verschwinden ließ.
Ich stellte den Korb frischer Tomaten auf den groben Tisch und begann, sie zu würfeln. Der Saft floss über das blanke Holz. Ich dachte an Jeanette, an ihre Säfte. Ob sie wohl auch fließen mochten?
Ein flüchtiges Lächeln huschte über mein Gesicht. »Zumindest werden ihre Säfte keine Kerne enthalten«, dachte ich – wohl eher albern. Ich war ein alter, verliebter Narr.
Jeanette brachte Würze in die Küche, nicht nur durch ihre Anwesenheit. Sie zupfte Thymian, Lorbeer und Petersilie mit kräftigen und doch zarten Fingern. Ich erwartete, dass sie die Kräuter hackte – tat sie aber nicht. Stattdessen band sie die Kräuter zu einem Sträußchen und legte es sanft zu Tomaten und Zwiebeln.
Ihre Finger glitten durch die Form und fetteten sie mit Butter. Zu sehen, wie sie die Form liebkosten, brachte mich fast um den Verstand.
Schwer atmend legte ich den ausgenommenen, filetierten Butt hinein, während sie Kräuter, Zwiebeln, Schalotten und Tomaten zugab. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich öffnete einen weißen Landwein, nahm einen großen Schluck und goss den Rest zum Fisch – er sollte ja schwimmen.
Jeanette trat dicht an mich, öffnete die Hitze des Ofens, sodass ich nur noch einschieben musste … den Fisch.
Nun hatten wir zwanzig Minuten für uns. Zwanzig kurze Minuten, in denen der Fisch garte und ich dampfte.
Ich schob Jeanette zum Tisch, hob sie hoch, spreizte ihre Beine und versenkte meinen Kopf in der Tiefe ihrer Röcke. Nein, sie roch nicht nach Fisch. Vielleicht vergaßen wir ihn gerade deshalb im Ofen.
An diesem Tage gab es für den Maler kaltes Huhn zu Mittag.
Die Adventszeit war eine schwierige Zeit für mich als Koch in Giverny. Frisches Gemüse wurde rar, es gab nur noch getrocknete Kräuter, und die Frische des Sommers fehlte überall.
Am Vorabend des ersten Advents gab es seit jeher Rebhühner im Hause des Malers.
Wie schon beschrieben, lud der Maler gern Gäste zu Tisch. An diesem Samstag sollte alles größer sein.
Das Haus war festlich geschmückt. Mistelzweige und Ilex brachten etwas Farbe hinein, während draußen das Grün längst vom Grau des Winters verdrängt worden war. Der Kamin verbreitete wohlige Wärme, während draußen die Winterstürme erste frostige Nächte in die Normandie trugen.
Wir alle wurden ruhiger und nachdenklicher. Nur diese seltenen Feste lockerten den Zyklus auf.
Perdreaux aux choux – Rebhühner mit Kohl
Des Malers neue Magd hieß Claudette. Jeanette musste gehen, nachdem der Maler mir nicht verziehen hatte, dass es im letzten Sommer einmal Huhn statt Fisch gegeben hatte. Sie erinnern sich — beim Essen war er nachtragend.
Claudette war anders: zart, fast grazil. Ihre Brüste kaum größer als die kleinen wilden Äpfel hinter dem Teich, Schultern und Hüften schmal wie die eines Knaben. Sie war in den Zwanzigern, wirkte jedoch scheu. Mir war sie nicht griffig genug — vielleicht einer der Gründe, weshalb der Maler in mir keine Konkurrenz sah.
An jenem Morgen brachte sie zwei Rebhühner von der Jagd ihres Vaters mit. Er versorgte uns regelmäßig mit Wild, so wie man wohl auch Claudette selbst als frisches Wild für den Maler betrachten durfte.
Nicht, dass der Maler selbst jagte — zumindest nicht draußen. Doch im Hause stellte er seinen Jagdtrieb nie ein. Selbst im Advent jagte er seine Engel, wie er es nannte.
Gelegentlich kam er in die Küche, gab Anweisungen und sah uns bei der Arbeit zu. Ich bezweifelte jedoch, dass unsere Arbeit sein eigentliches Interesse war. Vielmehr folgte sein Blick den zarten Bewegungen der Magd unter ihrem Kleid.
Während Claudette die Rebhühner rupfte, betrachtete er sie, als dächte er an ein anderes Rupfen. Zu süß und doch kräftig war der Anblick, wie sie im unschuldigen Weiß auf dem Hocker saß, die Schüssel mit den Federn zwischen den gespreizten Beinen.
»Weihnachten ist nah«, dachte er. »Wenn schon die Engel sich in meiner Küche abmühen.«
Doch reichte ihm dieses eine Hühnchen zum Nachtisch? Sollte ich nicht auch die Frau des Gärtners zu Tisch bitten, wie einst zu unserem heimlichen Mahl der Freude?
Ich ließ den Gärtner rufen, damit seine Frau getrockneten Thymian, Salbei und Rosmarin sowie einen weißen Kohl, Karotten und Zwiebeln bringe.
Claire erschien bald, die Gaben des Gartens an sich gedrückt. Der Maler bat sie zu bleiben und sich am Ofen zu wärmen — wie er sich an ihrem Anblick wärmte.
Claire wusch die Kräuter und schnitt das Wurzelgemüse und den Kohl, während Claudette widerwillig die Vögel ausnahm. Als sich beide über das Geflügel beugten, um die Kräutersäckchen in die Bäuche zu legen, schien sich der Pinsel des Malers regen zu wollen. Wie gern hätte er nun gemalt — oder zumindest sein eigenes Kräutersäckchen versenkt.
Claudette blanchierte die Kohlblätter und legte die Hälfte davon in eine mit Speck ausgelegte Casserole.
Während die beiden Frauen die Rebhühner auf das Kohlbett legten und mit Karotten, restlichem Kohl, Zwiebeln, Speck und Cervelat füllten, trat der Maler von hinten an sie heran. Sein Pinsel, der die Leinwand vermisste, regte sich deutlich. Seine Hände legten sich auf ihre Hinterteile, als wolle er vergleichende Studien betreiben.
»Alles für die Kunst«, seufzte Claire, und ihr Klagen ging rasch in helles Kichern über — sie war mit seinen Überfällen vertraut.
Claudette hingegen stieß einen spitzen Schrei aus. Während sie noch Butterflocken verteilte und Claire die Casserole hielt, glitten seine Hände tiefer zwischen die Schenkel der beiden. Claire öffnete bereitwillig, Claudette spannte sich an.
Ich räumte rasch den Tisch und schob die Casserole in den Ofen. Claudette lag kopfüber auf dem Tisch, das Gesicht in der Butter, Claire leckte sich das Fett von den Lippen, während der Maler unter wallender Unterkleidung nach seinen Farbtöpfchen suchte.
Dann stieß er zu und entjungferte die Magd. Die Engel sangen Halleluja. Claudette riss die Augen auf — vor Schreck, Schmerz und Lust zugleich. Schreien konnte sie nicht; Claires Zunge lag tief in ihrem Rachen.
Wieder und wieder tauchte der Pinsel in den Farbtopf und färbte sich langsam rot — das Rot der ersten Lust.
Vergessen waren die Rebhühner.
Auch an diesem Tage gab es kaltes Hühnchen vom Vortag.
Die Leichtigkeit der Duchesse
Die Düfte der Casserole
Die Farben des Malers
Während sich die Duchesse de Vernon das fliederfarbene Mieder schnüren ließ, zog der mächtige Hirsch noch durch die tiefen Wälder am trägen Lauf der Senne. Der Maler hingegen mischte bereits einen Tropfen Karmin in das Indigoblau, um den Duft frisch erblühten Lavendels mit wenigen Strichen einzufangen.
Die Duchesse ließ sich von ihrer Zofe das Haar bürsten, während die Magd in meiner Küche den Korb mit Wurzelgemüse entgegennahm. Der Maler sann derweil darüber nach, ob sich die Lavendelreihen am Horizont verlieren oder durch nahe Pinienwälder begrenzt werden sollten.
Ein paar Tropfen Patschuli gaben dem Wildrosenduft ihres Parfums eine schwere, geheimnisvolle Note. Indes wurden Möhren und Schwarzwurzeln geschält und als rot-weißes Bouquet auf dem braunen Holzbrett gesammelt — bereit, in der großen Casserole zu verschwinden. Ein graublauer Dunst legte sich über den Horizont, in dem sich die Linien der Lavendelfelder unter langen Pinselzügen verloren.
Als die Duchesse ihren Kutscher rief, schmorte ich bereits Schalotten in Entenschmalz und braunem Zucker, bis sie karamellisierten. Ich bedeckte Möhren und Schwarzwurzeln mit der zartbraunen Masse und bettete den rosafarbenen Hirschbraten darauf.
Die Gedanken der Duchesse flogen ihrer Kutsche voraus, während kräftiggelbe Kartoffelwürfel die Casserole füllten, bis der Braten beinahe verschwand.
»Kräftiggelb«, dachte der Maler, »für den Weg — überdeckt mit wenigen Strichen Ocker.«
Der schwere gusseiserne Deckel wurde abgenommen, als oben an der stets unverschlossenen Haustür die strahlende Duchesse Einlass begehrte und der Maler zugleich seine Palette aus der Hand legte. Die letzten Minuten sollte das Mahl offen im Ofen garen.
Nach flüchtigen Begrüßungen begab man sich in das sonnendurchflutete Atrium — die Duchesse mit ihrem Lächeln, der Maler mit farbbesprenkelten Händen.
Der Rest ist schnell erzählt: Der Maler drängte die Duchesse an die Fensterbrüstung, wo sie — wie so oft — die Initiative ergriff und den Geschmack des Pinsels kostete.
Dem Maler stand der Pinsel, der Duchesse die Röte im Gesicht, und die Casserole stand im Ofen. Und dort stand sie gut.
Orgasmen der Sinne!
Daher gab es an diesem Tage kaltes Hühnchen statt Rehbraten.
Man bewundert heute die Seerosen. Man analysiert das Licht, die Spiegelungen, die Auflösung der Konturen.
Ich sage Ihnen: Das Licht war echt. Die Hitze auch. Die Disziplin nicht. Der Kunstbetrieb liebt das Genie, solange es verwertbar bleibt. Man verzeiht verbrannte Braten, wenn die Leinwand Rendite bringt.
Ich habe viel gelernt in Giverny:
Farben verkaufen sich besser als Moral. Serien steigern den Marktwert. Und kaltes Huhn wird zur Delikatesse, wenn man es selbstbewusst serviert.
Der Meister malte das Flüchtige. Ich servierte das Vergessene.
Heute hängt er in Museen. Ich sitze hier und erzähle.
Und glauben Sie mir — kein Kurator hat je so viel Wahrheit gesehen wie ich in einer offenstehenden Casserole.
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Claude Monet in Dankbarkeit für seine wunderbaren Bilder gewidmet
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